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Neues aus unserer Gesellschaft

DIE ZEIT - Gesellschaft - RSS

T√ľrkei: Staatsanwaltschaft fordert Freilassung von MeŇüale Tolu

Seit mehr als sieben Monaten sitzt die deutsche Journalistin in t√ľrkischer Haft. Zu Beginn des zweiten Verhandlungstags in Istanbul kann Tolu auf ihre Freilassung hoffen.

Reisen: Deutsche empfinden nur f√ľnf Urlaubsl√§nder als sicher

Beliebte Urlaubsziele leiden unter den Folgen von Terror und Konflikten. Deutsche f√ľhlen sich nur noch in Europa sicher ‚Äď aber sogar Spanien hat an Popularit√§t verloren.

Terrorismus: Hälfte der Gefährder womöglich nicht so gefährlich wie gedacht

Das BKA hat islamistische Gefährder mit einem neuen Analysesystem eingeordnet. Dadurch soll eine gezieltere Überwachung ermöglicht werden.

Flugverkehr: Chaos nach Stromausfall auf dem Flughafen in Atlanta

Sechs Stunden ging nichts mehr, Tausende Passagiere mussten im Dunkeln ausharren: Ein Brand hat den weltweit verkehrsreichsten Flughafen lahmgelegt.

Arbeitsmarkt: Deutsche machten 1,7 Milliarden √úberstunden

Das hören Gewerkschaften nicht gern: Die deutschen Arbeitnehmer leisteten 2016 viele Überstunden, die meisten sogar unbezahlt. Damit hätten neue Jobs entstehen können.

Christentum: Die Versuchung

Versuchung ‚Äď das war eine gro√üe, apokalyptische Sache. Heute wird das zur Floskel abgeschliffene Wort aus dem Vaterunser hergebetet. Wer denkt sich noch etwas dabei?

Integration: Heimweh nach der deutschen Kleinstadt

Weniger auffallen, mehr Chancen: Viele Gefl√ľchtete m√∂chten in die Gro√üst√§dte ziehen. Dabei klappt Integration in kleinen St√§dten oft besser.

Mieten: Zu wenig, zu teuer

In deutschen St√§dten steigen die Mieten unentwegt. Ein Blick nach Z√ľrich zeigt, wie man sozialer bauen k√∂nnte.

Pakistan: Tote bei Anschlag auf Kirche

Selbstmordattent√§ter haben einen christlichen Gottesdienst angegriffen. Acht Menschen starben, mehr als 40 wurden verletzt. Der IS reklamierte den Anschlag f√ľr sich.

Waldbrände in Kalifornien: Behörden ordnen Zwangsevakuierung an

Anhaltende Winde und Trockenheit k√∂nnten die Waldbr√§nde in Kalifornien weiter verschlimmern. Das Feuer gilt schon jetzt als eines der gr√∂√üten der j√ľngeren US-Geschichte.

Christliche Besinnung: Singt doch alle mit!

Der Advent ist die Zeit f√ľr Kulturchristen auf der Suche nach der anspruchsvollen Besinnung. Doch wo findet man die und hat das eigentlich noch etwas mit Jesus zu tun?

Indonesien: Zehntausende protestieren gegen Trumps Jerusalem-Entscheidung

In Jakarta haben 80.000 Menschen gegen die Jerusalem-Entscheidung von US-Präsident Trump demonstriert. Muslimische Geistliche riefen zum Boykott von US-Produkten auf.

Terrorismus: Mehrere Frauen und Kinder als Gefährder eingestuft

Unter den 720 Gefährdern in Deutschland sind Sicherheitskreisen zufolge nicht nur Männer. Auch einigen Frauen und Minderjährigen trauen die Behörden einen Terrorakt zu.

Christentum: Kirchen sehen Christen zunehmend bedroht

In einem gemeinsamen Bericht kritisieren die Kirchen, dass Christen st√§rker unter Diskriminierung leiden. Gerade im Nahen Osten w√ľrde die Religionsfreiheit eingeschr√§nkt.

Terrorismus: "Der Mann, den ich kennengelernt habe, ist kein Radikaler"

Ist der Leipziger Imam Abu Adam denn nun Salafist oder nicht? Teil 5 unserer Ermittlungsserie beschäftigt sich mit den Reaktionen auf die bisherigen Berichte.

DIE ZEIT - Gesellschaft

Ein paar Worte zur Gesellschaft

... von Andreas von Gunten

Menschen leben in Gesellschaften. Es gibt zwei Arten von möglichen Gesellschaften, die offene, pluralistische und die geschlossene, gleichgeschaltete.
(Karl Popper)

Die geschlossene, gleichgeschaltete zeichnet sich dadurch aus, dass es festgeschriebene, ewiggültige Wahrheiten im Sinne von Dogmata gibt, die von einer Elite in der Regel mit Gewalt durchgesetzt werden. Diese grundlegenden Dogmata verneinen üblicherweise die Tatsache, dass Menschen individuelle Bedürfnisse haben, oder sie gehen davon aus, dass diese individuellen Bedürfnisse den kollektiven Wünschen, die diese Elite erkannt hat, grundsätzlich zu unterstellen sind. Burma, Iran, China, die Sowjetunion, die DDR, Nazideutschland, usw. sind aktuelle bzw. historische Beispiele für solche Gesellschaften.

Wir leben in Deutschland, in Europa, in den USA und an vielen weiteren Orten zum Glück in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft. Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass Menschen verschieden sind und individuelle Bedürfnisse haben, deren Befriedigung zum persönlich empfundenen Glück beitragen. Um diesen individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden wird in der offenen Gesellschaft der persönlichen Freiheit sich zu entfalten ein hoher Stellenwert eingeräumt.

Da der Mensch aber auch in der offenen Gesellschaft per Definition eben in Gesellschaft lebt, hat diese persönliche Freiheit auch ihre Grenzen. Diese Grenzen liegen dort wo des Einen persönliche Freiheit einem anderen Menschen oder der Gesellschaft schaden zufügt (John Stuart Mill).

Diese Grenzen entziehen sich aber einer objektiven Erschliessung, darum muss eine offene Gesellschaft diese Grenzen immer wieder neu beurteilen. Diese Beurteilung geschieht am effektivsten durch Diskussion der vorgebrachten Argumente aus verschiedenen Blickwinkeln der jeweils Betroffenen.

Aus diesem Grund ist die bestmögliche Staatsform der offenen Gesellschaft eine Mischung aus parlamentarischer und direkter Demokratie, die föderalistisch nach dem Subsidiaritätsprinzip aufgebaut ist und den Bürgern dadurch sehr weitgehende Möglichkeiten der Mitbestimmung einräumt.

Damit eine solche Demokratie aber funktionieren kann, hat der Mensch für seine Freiheit einen Preis zu bezahlen. Dieser Preis heist Verantwortung. Verantwortung für das eigene Denken und Handeln.

Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, braucht es mindestens zwei Fähigkeiten zu deren lebenslangen Weiterentwicklung der freie Mensch in der offenen Gesellschaft angehalten ist. Die Fähigkeit zur Empathie und die Fähigkeit zum kritischen Denken.

Durch Empathie entsteht Solidarität und der Wunsch, das Leid zu minimieren und das Glück zu maximieren, und zwar gerade auch für die anderen Menschen und Geschöpfe des gemeinsamen Lebensraums.

Das kritische Denken ermöglicht es u.A., seine immer vorhandenen Vorurteile und seine eigenen Gefühle und Geisteshaltungen wie Neid, Hass, Egoismus, usw. in die Beurteilung einer Sachlage miteinzubeziehen, Argumente von Diskussionspartnern von verschiedenen Standpunkten aus zu betrachten, sowie plumpe rethorische Manipulationsversuche zu entlarven.

Beide Kompetenzen sind in unseren Anlagen vorhanden, wir haben dabei allerdings die Wahl diese verkümmern zu lassen oder sie zu entwickeln. Aus meiner Sicht, sind diejenigen, die die offene Gesellschaft mitgestalten wollen, zu Letzerem verpflichtet.

Quelle: Andreas von Gunten

Was ist der Mensch

Eine Publikation der Berlin-Brandenburgischen Akademie zur Stellung des Menschen in der Natur

... von Bettina Mittelstraß

Was ist der Mensch? Homo sapiens, Krone der Schöpfung, Zufallsprodukt der Evolution? Die interdisziplinäre Arbeitsgruppe "Humanprojekt - zur Stellung des Menschen in der Natur" an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, das irritierte Selbstverständnis des Menschen zu überdenken.

Was für eine Frage! Als ob es einen Mangel an klugen Antworten darauf gäbe. Niemand überschaut die Fülle der je versuchten Einlassungen auf die Frage aller Fragen der abendländischen Philosophie, und auch die überaus beeindruckende Menge von 1111 mehr oder weniger sinnreichen Zitaten.

Homo sapiens. Krone der Schöpfung, Zufallsprodukt der Evolution, Vorstufe des Transhumanen. Gottesebenbild, federloser Zweibeiner, nackter Affe. Beseeltes, vernunftbegabtes, triebgesteuertes, soziales, moralisches, ökonomisches, spielendes, lügendes, lachendes, weinendes, empathisches, exzentrisches, sich seiner selbst bewusstes, sich selbst formendes Mängel- und Kulturwesen. Vergänglich, unsterblich. Ausgestattet mit Genen, Greifhand und Gehirn, mit Freiheit, Würde, Rechten und Pflichten; fähig zu Sprache und Technik, zu Gutem und Bösem.

... lesen Sie bitte den ganzen Artikel hier!

Der Mensch als Individuum

Jedes Lebewesen ist einmalig in dem Sinne, daß keines ganz genau einem Artgenossen gleicht. In der antiken Philosophie hat man das, was allen Individuen einer Art gemeinsam ist, Substanz, und das, was verschieden sein kann, Akzidens genannt. Jede Nase z.B. hat dieselben anatomischen Merkmale und Funktionen, doch keine zwei Nasen haben genau dieselbe äußere Form.

Alle Menschen sind daher ihrem Wesen nach gleich, aber nach Aussehen, Fähigkeiten und Charakter verschieden.

Das dem Menschen wesensgemäßeste Merkmal ist die Vernunft. Insofern der Mensch ein Handelnder ist, ist es seine Aufgabe, vernünftig zu handeln. Dieses Wesensmerkmal muß er allerdings erst erkennen, um danach handeln zu können.

Durch vernunftgemäßes Denken überprüft, ordnet und lenkt der Mensch seine Triebkräfte, Wünsche und Begierden, ja sein Denken selbst. Vernunftgemäßes Denken beruht auf der Erkenntnis, daß dem menschlichen Leben eine Ordnung zugrunde liegt, deren Entdeckung und Verwirklichung dem Menschen Sinn und Erfüllung seines Daseins gibt.

Bevor das menschliche Individuum die volle Herrschaft über sein eigenes Leben erlangt, lernt er von seinen Eltern, von anderen Menschen und Gemeinschaften einen Sittenkodex, der sein Gewissen über richtiges und falsches Handeln bildet. Durch seine Vernunft kann er diesen Kodex überprüfen und modifizieren. Er hat die Wahl vernunftgemäß oder gegen die Vernunft zu handeln. Darin besitzt jeder Mensch Willensfreiheit und Verantwortung. ... lesen sie bitte hier den ganzen Artikel

Noch etwas mehr über das "Individuum" erfahren Sie hier.

Die Sucht als gesellschaftliches Problem

Ein Artikel der Universität Oldenburg

Zu einem der am weitesten verbreiteten psychosozialen und gesundheitlichen Probleme der Menschen in den westlichen Industriestaaten gehören die Sucht- bzw. Abhängigkeitserkrankungen. Dabei ist Sucht als solche „ein Urphänomen menschlicher Existenzmöglichkeit.“ Süchtige hat es zu allen Zeiten gegeben und - so tragisch die Schicksale für die jeweils Betroffenenu und ihr soziales Umfeld auch waren: Gesamtgesellschaftlich handelte es sich meist um eine vernachlässigbare Größe. Dies hat sich allerdings grundlegend verändert: zunächst in den hochentwickelten Ländern der westlichen Welt auftauchend, hat die Suchtproblematik inzwischen das Ausmaß einer weltweiten Pandemie angenommen. „Die Menschheit als Ganzes, der ‘Organismus Menschheit’, hat eine süchtige Identität angenommen, und das drückt sich in generalisiertem, süchtigem Verhalten aus.“

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Komasaufen

An der Front der Kampftrinker
Quelle: Wolfgang Bauer - FOCUS

Saufen
– Jugendliche in Deutschland tun es immer früher und immer hochprozentiger. Nachdem dem Tod eines 16-Jährigen in Berlin fordern Politiker Konsequenzen. Nur welche? FOCUS-Reporter Wolfgang Bauer besuchte sieben Nächte die Front der Kampftrinker in Stuttgart.

Die Flasche Wodka kreist bereits in der Warteschlange vor der Musikkneipe „Pflaumenbaum“ im Stuttgarter Westen. Mädchen kichern, Jungs grinsen, einige von ihnen lallen schon um 19 Uhr. „Es sind doch Ferien“, sagen sie zu mir. „Wir wollen doch nur Spaß.“ Die 16-jährige Anja, müdes Gesicht, dunkle Augenringe, ist schon seit Tagen auf der Piste, die Anlässe zum Saufen wechseln einander ab – Geburtstage, Gartenpartys, Konzerte. „Wir geben richtig Gas“, strahlt sie mit ihren drei Freundinnen. Heute wollen sie kübeln, weil das Kübeln am „Flatrate“-Tag im „Pflaumenbaum“ so günstig ist. Zehn Euro für Mädels, zwölfe für die Jungs, das kann sich auch ein noch so schmaler Schülergeldbeutel leisten. „Früher war der Donnerstag tot“, freut sich Betreiber Timo Bemsel. „Jetzt ist es der Wahnsinn.“

Randale in der Notaufnahme
Der Wahnsinn ist es auch für die Notaufnahme in Stuttgart, die in den letzten Jahren über eine drastische Zunahme von eingelieferten Jugendlichen klagt. Die Schwestern und Ärzte des Marienhospitals sind oft überfordert mit den besoffenen Kids, die im Behandlungszimmer randalieren, in die Blumentöpfe des Wartebereiches oder in Bücherregale pinkeln. Einige greifen Sanitäter an, es kommt immer häufiger zu Handgemengen in der Notaufnahme. „Näh mich endlich zu!“ raunzt ein 23-Jähriger die junge Ärztin an, die die Schnittwunde an seinem Kopf behandelt. Im Suff hat er sich im Irish Pub an einem Bierglas die Stirn aufgeschnitten. „Ich will hier raus und wieder saufen!“ Im Zimmer nebenan drückt ein Betrunkener einen anderen auf das Behandlungsbett. Der untere blutet aus Schnittwunden, will aber partout nicht bleiben. Stumm und erbarmungslos kämpfen die beiden ihren Kampf, bis die Schwestern die Polizei rufen, die dann mit Blaulicht kommt.

Trümmerhaufen Jugendschutzgesetz
Sieben Tage habe ich es für diese Reportage in der Nase: Eine Partynacht in Deutschland riecht nach Pisse, Erbrochenem und Kot. Das Nachtschwärmen nach ein Uhr morgens ist in den meisten Städten kein Vergnügen. Das Jugendschutzgesetz ist ein Trümmerhaufen aus Paragrafen. Viele Quellen sprudeln für Kinder und Jugendliche. Wer es mit Milchbubengesicht nicht in die Kneipen und Diskotheken schafft, lässt sich eine Ausnahmegenehmigung der Eltern von Freunden fälschen. Die nötigen Vordrucke stellen die meisten Diskos auf ihren Internetseiten bereit. Andere kaufen bei Tankstellen ein. In Stuttgarts Innenstadt machen die mehr Umsatz mit alkoholischen Getränken als mit Benzin. Und wer vom Tankwart tatsächlich einmal aus Altersgründen weggeschickt wird, schickt eben einen über 18-Jährigen vor. Überall treffe ich um ein Uhr nachts in der Fußgängerzone betrunkene Jugendliche, überhaupt ist um diese Zeit keiner mehr nüchtern – außer der Polizei. Die rast von einer Schlägerei zwischen Besoffenen zur nächsten.

Immer weniger trinken immer mehr
Aber stopp – Generation Suff? Die gibt es nicht. Eine Erfindung des Boulevards. Nie war Deutschlands Nachwuchs nüchterner. In den vergangenen 30 Jahren ist der Anteil trinkender Jugendlicher immer kleiner geworden. Während in den 70er-Jahren die Hälfte der zwölf- bis 17-Jährigen mindestens einmal in der Woche trank, ist es heute nur noch ein Fünftel. Die Umsätze von Brauereien und Brennereien gehen stetig zurück, die Diskotheken kämpfen ums Überleben. Doch mit immer neuen Tricks suchen sie nach Auswegen aus der Misere, erst mit den Alkopos, die zum ersten Mal gezielt besonders junge Kunden anvisierten, jetzt mit Flatrates und Discount-Partys. Sie sind Trendsetter einer schlimmen Entwicklung. Zwar trinken immer weniger Jugendliche. Die es aber tun, tun es immer früher und immer heftiger. Für den Organismus der Kids, deren Leber den Alk nicht richtig abbauen kann, deren Gehirn noch empfindlicher auf ihn reagiert, eine Katastrophe. Vor kurzen ist in Berlin ein 16-Jähriger an über vier Promille gestorben. Die Bundesrepublik vergiftet ihre Kinder.

Der findige Zapfer weiß sich zu helfen
In Timo Bemsels „Pflaumenbaum“ ist der Steinboden bald geflutet, fingertief steht der Wodka hier. Da alles umsonst ist, gibt niemand acht, nichts zu verschütten. „Sollen die ruhig die Flatrate-Partys verbieten“, sagt Bemsel. „Dann verkaufe ich eben alle Drinks für nur zehn Cents.“ Der findige Zapfer weiß: Es gibt viele Möglichkeiten, gesetzliche Einschränkungen zu umgehen. Auch die Überlegung der Familienministerin Ursula von der Leyen, keinen Alkohol an unter 18-Jährige auszuschenken, scheitert an der Realität. Eine effektive Alterskontrolle gibt es schon lange nicht mehr. Die Polizei hat in Partynächten Dringlicheres zu tun, als in Diskos Ausweise zu kontrollieren. Nur eine Maßnahme würde der Jugend wohl helfen: Alkohol über die Steuer vielfach zu verteuern. Das täte allen weh. Das täte allen gut. Doch das wagt die Politik nicht. Dafür zechen auch die Erwachsenen zu gerne.

Quelle: Wolfgang Bauer - FOCUS

Lesen Sie bitte auch das PDF: Komasaufen als Jugendmode [120 KB]

Suchtberatung




Beratungsstellen
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Intelligenz

... von Sabine Kern - Planet Wissen

Intelligenz unterscheidet nicht nur den Menschen vom Tier, sondern graduell auch Menschen untereinander. Doch nicht immer garantiert hohe Intelligenz ein erfolgreiches Leben. Noch andere Begabungen als Logik und abstraktes Denkvermögen spielen eine Rolle. Lässt sich Intelligenz in Tests erfassen? Und was genau ist eigentlich Intelligenz?

Über die Schwierigkeit, Intelligenz zu definieren
Intelligenz ist, vereinfacht ausgedrückt, die Fähigkeit, Probleme und Aufgaben effektiv und schnell zu lösen und sich in ungewohnten Situationen zurecht zu finden. Trotzdem ringt die Wissenschaft seit mehr als 100 Jahren um eine zutreffende und umfassende Definition. Ein Teil der Wissenschaftler geht von einem einzigen, bereichsübergreifenden Intelligenzfaktor, dem “Generalfaktor g” aus, der unterschiedlich hoch sein kann.

Andere Forscher wiederum befürworten eine ganze Palette voneinander relativ unabhängiger Intelligenzen wie verbales Verständnis, räumliches Vorstellungsvermögen, Gedächtnis und Zahlenverständnis. Der amerikanische Psychologe Howard Gardner bezieht in seiner Theorie der “Multiplen Intelligenzen” (MI) sogar Bewegungsintelligenz (Tänzer), musikalische Intelligenz (Musiker, Komponisten) oder naturalistische Intelligenz (Naturforscher) mit ein.

Was in Intelligenztests ermittelt wird
Die über 80 in Deutschland verwendeten Intelligenztests unterscheiden sich zum Teil erheblich voneinander. Das hängt vom Zweck der Tests ab und von der Intention der Autoren. Bestimmte Eigenschaften werden aber in allen Tests untersucht: etwa die Verarbeitungskapazität (die Fähigkeit, komplexe Aufgaben zu lösen) und der Einfallsreichtum, für Probleme möglichst vielfältige Lösungen zu finden. Eine wichtige Rolle spielen auch Merkfähigkeit, Bearbeitungsgeschwindigkeit und Konzentrationsfähigkeit. Diese Eigenschaften werden in den Testfragen mit Wörtern, Zahlen oder Bildern kombiniert, da Menschen auch diese unterschiedlich verarbeiten.

Aus dem Ergebnis wird der Intelligenzquotient der Testperson ermittelt. Sein Durchschnittswert liegt bei 100 und trifft etwa auf 50 Prozent der deutschen Bevölkerung zu. Etwa zwei Prozent haben einen IQ unter 69 (Schwachsinn), weitere zwei Prozent haben einen IQ von 130 und mehr, sie zählen damit zu den hoch Begabten. Ein Intelligenztest kann jedoch kein Kriterium für die tatsächliche Leistungsfähigkeit eines Menschen sein, sie hängt von vielen anderen Faktoren ab.

Emotionale Intelligenz
Die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, deren Handeln zu verstehen, ist überlebenswichtig für Mensch und Tier. Ein niedriger IQ lässt sich dadurch allerdings nicht kompensieren, auch die so genannte Emotionale Intelligenz erfordert komplizierte Verarbeitungsprozesse im Gehirn - den Entwurf von Theorien und deren Überprüfung. Der Begriff Emotionale Intelligenz taucht in der Fachliteratur erstmals um 1990 auf. Der breiten Öffentlichkeit wurde er durch das gleichnamige Buch von Daniel Goleman bekannt - seine Theorien sind allerdings in Fachkreisen umstritten.

Um Erkenntnisse über die Emotionale Intelligenz einer Person zu gewinnen, muss man in anderer Weise vorgehen als bei herkömmlichen Intelligenztests. In einer Studie des Kölner Max-Planck-Instituts für Neurologische Forschung waren die Probanden zum Teil psychisch Kranke: Depressive, Schizophrene, sogar Autisten. Deren empathische Profile (Empathie = Einfühlung) unterschieden sich zum Teil erheblich von denen gesunder Kandidaten. Obwohl von normaler Intelligenz neigen Schizophrene etwa dazu, überdurchschnittlich viel über Motive und Handlungen anderer nachzudenken, während Autisten sich überhaupt nicht in ihre Mitmenschen einfühlen können.

Intelligenz bei Tieren
Bei Wissenschaftlern ist die Intelligenz bei Tieren stark umstritten. Da man sie nicht wie bei Menschen testen kann, ist man auf Beobachtungen angewiesen. Als intelligenteste Vertreter gelten gemeinhin die mit dem Menschen genetisch eng verwandten Schimpansen sowie Delfine. Von Schimpansen weiß man, dass sie nicht nur Werkzeuge benutzen, sondern auch in vielfältiger Weise nonverbal mit ihren Artgenossen kommunizieren. Aber wo hört angeborenes Verhalten auf und wo beginnt Intelligenz? Versuche haben gezeigt, dass Schimpansen ganz offensichtlich durch Nachdenken ihre angeborenen und gelernten Verhaltensweisen so kombinieren können, dass sie in der Lage sind, völlig neue Aufgaben zu lösen.

Legendär sind die Geschichten, in denen Menschen von Delfinen aus Seenot gerettet wurden. Ließ sich das einst noch mit dem angeborenen Spieltrieb der Meeressäuger erklären, zeigt sich in unseren Tagen ein differenziertes Bild: Delfine haben offenbar eine enorme Emotionale Intelligenz. Aus Therapien mit Delfinen und behinderten, insbesondere kommunikationsgestörten Kindern weiß man, dass Delfine ein ausgeprägtes Gespür für Schwächere haben. Mit ihrer Kraft und Energie vermögen sie außerdem, auf bislang nicht erforschte Weise auf den Genesungsprozess einzuwirken. Eltern und Therapeuten berichten übereinstimmend von riesigen Fortschritten der Kinder innerhalb kürzester Zeit, die mit üblichen jahrelangen Therapien nicht zu erzielen waren.

Quelle: Sabine Kern - Planet Wissen


Dummheit

Eine Kritik an der Gesellschaft

... von Cru - Zeit Online

Wie kannst du, ausgerechnet du, den Menschen für seine Intelligenz verspotten, der sein Wissen später mal für die Technik nutzen wird, um das Handy zu verbessern, ohne das du schon jetzt nicht leben kannst?

Und du, warum leidest du, der du viel erfahrener, schlauer und erhabener bist, unter der Herrschaft einer leeren Fassade, die verwelken wird ohne Großes zu vollbringen?

Was läuft falsch in dieser oberflächlichen Welt? Warum geht es immer mehr ums Haben als ums Sein?

Warum verlieren gute Eigenschaften wie Fleiß, Ehrgeiz, Zielverfolgung, Ehrlichkeit und Gutmütigkeit an Bedeutung? Warum sind es Werte wie Faulheit, Machtausübung, Arroganz, Egoismus, Ausnutzen, Lügen und Rücksichtslosigkeit, die einen heute weiter bringen?

Warum war das schon immer so, seit es die Menschheit gibt?

Wir haben das größte Wissen, die höchste Technologie, die klügsten Menschen, die beste Erfahrung und die hervorragendsten Kenntnisse, die wir je hatten. Wenn wir sie nur anwenden würden …

Was spricht in der Theorie dagegen, eine Welt aufzubauen, wo nicht jeder in erster Linie an sich denkt, sondern eine Welt, wo Menschen miteinander und nicht gegeneinander leben. So leben, dass es keinem schadet. Eine ehrliche Welt, in der man nicht gezwungen ist, ob durch gute Manieren, Höflichkeit und Anstand, oder Etikette, jemandem etwas vorzugaukeln.

Warum sterben Menschen überall auf der Welt an Hunger, wenn man mit dem Gold aus dem Vatikan die ganze Welt ernähren könnte.

Warum lassen wir uns von Menschen leiten, ohne Wissen und Gewissen, die sich um ihre Finanzen keine Sorgen zu machen brauchen, und merken nicht, dass keiner etwas bessert, keiner etwas verbessern will, sondern rücksichtslos in ihren eigenen Geldbeutel schauen und ihre Macht ausnutzen. Wer hat da noch Vertrauen in sie? Ich nicht.

Wer unterstützt diese Menschen, wer steht notfalls mit seinem Leben hinter ihnen, anstatt die Wahrheit zu sehen und selbst diesen Posten zu erstreben mit der Vision, etwas zu verbessern. Wie viele machen das schon?

Warum haben wir nicht aus unserem allerersten Krieg, dem allerersten Mord oder Verbrechen aus Gier oder Neid eingesehen, dass das zu nichts führt? Warum wiederholt es sich seit Millionen von Jahren, und nichts verbessert sich, außer der Kampfmethode und den Waffen.

Stattdessen regiert der Hass in unserer Welt, Missgunst, Besitzergreifung - es beginnt mit dem Streit im Kindergarten und endet mit dem Krieg.

Und niemand hat etwas gelernt.

Warum ist uns unser eigenes Wohlbefinden, der Luxus, den wir haben, wichtiger, als das Leid und der Tod unserer Schwestern und Brüder?

Warum spielen Kinder schon in frühen Jahren mit Spielzeugpistolen, um die sie sich beneiden, die sie sich wegnehmen, um die sie konkurrieren, sich minderbemittelt fühlen und später zu Ganganführern und Klassenchefs, zu Kapitalisten und Diktatoren.

Warum diskutieren wir noch über ein Verbot für Killerspiele, wenn es eine Welt geben könnte, in der so etwas nicht notwendig wäre, weil es niemandem gefallen würde, Menschen auch nur in einer virtuellen Welt zu erschießen.

Und niemand merkt etwas.

Warum lassen wir uns leiten von Menschen, die unsere Unkenntnis ausnutzen, warum informieren sich nur wenige zusätzlich? Und warum werden diese schief angesehen?

Warum werden alle schief angesehen, die im Endeffekt keine schlechten Absichten verfolgen - Streber, Hippies, Ökos, Gläubige, Homosexuelle, Andersfarbige, auffällig gekleidete werden stets verspottet. Wir leben in einem freien Staat und in einer aufgeklärten Gesellschaft; aber dennoch in einem Alltag, in dem keiner den anderen je in Ruhe lässt.

Warum unterdrücken wir alle Schwächeren - und wenn es sie nicht gäbe, wären die Starken dann noch stark? Warum unterdrücken wir die Tiere, die mit uns leben, woher nehmen wir die Macht über sie, die Pflanzen, die unseren Sauerstoff liefern, fällen wir für unsere Bedürfnisse.

Warum vergewaltigen wir die Erde, auf der wir leben, die Natur, dank der wir atmen, den Planeten, auf dem unsere Nachkommen leben werden? Heutzutage kann keiner mehr sagen, er weiß von nichts, wir sind aufgeklärt genug; die Hauptverursacher der Erderwärmung wissen am besten Bescheid, und durch zahlreiche Statistiken, Fakten, Dokumentationen oder Schulprojekte weiß es selbst die einfache Bevölkerung. Doch die mit den besten Methoden, dagegen anzukämpfen, unternehmen nichts, sie stoppen nichts. Und wir sind es allein dank unseres Daseins unserer Werde und unseren Kindern und Enkeln schuldig, diesen Planeten nicht zu zerstören, sondern ihn verbessert zurücklassen.

Doch niemand unternimmt was. Und jeder hat die Chance, etwas zu verändern.

Und später kann niemand sagen, er habe nichts gewusst oder einem anderen die Schuld überlassen.

Worte wie diese werden gelesen, überdacht, setzen sich fest und nach gewisser Zeit kehrt man in seinen Alltag zurück, unberührt - nur wenige ändern ihr Leben von Grund auf.

Was also unterscheidet uns von den Tieren, die wir so unterdrücken? 99% der Gene von Mensch und Affe sind identisch. Doch letzten Ende ist unsere Intelligenz nicht allzu verschieden. Denn trotz der Gewissheit, das was schief läuft, Trotz der Unzufriedenheit und dem Leid in der Welt, trotz der Erfahrung, ist alles beim Alten, keiner ändert etwas.

Denn die Menschheit ist dumm; sie wird dumm geboren und lernt nichts dazu; und wir sterben dumm, ohne etwas Vollbracht zu haben, lehnen den Verlauf unseres Lebens an den derer an, die wir als Vorbilder betrachten, ohne selbst spuren zu hinterlassen. Leben nach uns aufgezwungenen Geboten, von Eltern, Kirche, Gesetz und Staat, ohne eine eigene Meinung auszubilden - oder zu vertreten.

Von allen Spezies ist der Mensch die Klügste - und doch die Unglücklichste.
Die Menschen sind dumm; ich bin bloß solch ein Mensch.
Bloß einer unter vielen; aber nicht nur einer, der so denkt.
Ohne dass sich etwas ändert.

Quelle: Cru - Zeit Online

Größenwahn

Sind wir unendlich? Oder eher, wenn wir das denken, größenwahnsinnig?

... eine Kolumne von Wolf Schneider

Eines der beliebtesten Zitate in der Esoterik-Szene ist das folgende von Marianne Williamson, das oft fälschlicherweise Nelson Mandela zugeschrieben wird, weil er es in seiner Antrittsrede als Präsident von Südafrika zitiert hat: »Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind. Unsere tiefste Angst ist, dass wir grenzenlos machtvoll sind. Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, das uns erschreckt. Wir fragen uns, wer bin ich denn, um brilliant, wunderschön, talentiert und fantastisch zu sein? Eigentlich, wer bist du um dies nicht zu sein? Du bist ein Kind Gottes! Dein dich selbst Kleinmachen dient der Welt nicht!«

Sich nicht mehr klein machen
Nein, dein dich selbst Kleinmachen dient der Welt nicht. Aber auch dein Größenwahn dient der Welt nicht. Nur: Was unterscheidet das eine vom anderen? Wo hört das sich nicht mehr Kleinmachen auf und fängt der Größenwahn an? Wenn es wahr ist, dass »wir grenzenlos machtvoll sind«, dann sind wir Gott, Herrscher des Unversums. Genau das wird in den Religionen jedoch als »Blasphemie« bezeichnet, als die Anmaßung Gott zu sein, als maximaler Größenwahn. Der wurde in den Monotheismen oft genug (von Menschen, nicht von Gott) mit dem Tod bestraft.

Wenn nun ein aufgeklärtes Bewusstsein nicht mehr an einen persönlichen Gott, an Göttlichkeit in Form einer menschenähnlichen Person glaubt, gibt es dann überhaupt noch die Sünde der Blasphemie? Oder überhaupt die des Größenwahns? Wenn sogar der großartige und so großartige bescheidene Nelson Mandela in seiner Antrittsrede uns zugesteht, dass »wir grenzenlos machtvoll sind«?

»Grenzenlos machtvoll«?
Ich meine, dass solche Sprüche wie die von unserer grenzenlosen Macht zu Größenwahn einladen. Sie wollen eine Ermutigung sein, oft sind sie das auch. Auch mich hat dieser Text von Marianne Williamson schon erschaudern lassen vor meiner unerkannten, uneingestandenen (vermeintlichen) inneren Größe, zu der ich doch nun endlich den Mut finden möge. Solche Sätze sind pathetisch, so wie Beethovens Neunte, sie können einen beflügeln, aber sind sie auch wahr? Genau genommen nicht. Dann »grenzenlos machtvoll« sind wir gewiss nicht. Da brauche ich wohl keine Beispiele anzuführen: Jeder Mensch weiß aus dem eigenen Leben unzählige Fälle von unerfüllten oder noch nicht oder zu spät oder unvollständig erfüllten Wünschen, Absichten, Zielen. Nein, »grenzenlos machtvoll« sind wir gewiss nicht.

Innen- und Außenwelt
Ich würde sogar sagen, dass hier die Blasphemie beginnt, der Tatbestand des maximalen Größenwahns. Auch für Menschen, die an keinen Gott glauben, gibt es diesen Wahn: »Ich bin das Universums, ich bin alles, ich kann alles. Es entsteht und vergeht kein Leben im Universum, ohne dass ich es will.« Das gilt nämlich nur für das subjektive Universum: Nichts entsteht oder vergeht in deiner Wahrnehmung, ohne dass du es auch wahrnehmen willst – das ist dann schon fast tautologisch. Jedenfalls, wenn man voraussetzt, dass etwas, dass du nicht wahrnehmen willst, aus deinem Bewusstsein auch erfolgreich verdrängt werden kann und das, was du wahrnehmen willst, dort auch erfolgreich visualisiert werden kann. Womit wir wieder bei der Tatsache wären, dass Innen- und Außenwelt eben doch nicht dasselbe sind.
Übrigens erliegen auch die Fans der Wunschverwirklichungsmethoden, die seit ein paar Jahren für den entsprechenden Boom auf dem Bücher- und Seminarmarkt sorgen, solchen unrealistischen Größenfantasien, bzw. der Vermanschung von Innen- und Außenwelt. In früheren Zeiten hätte man die Propheten des »Die Welt ist das, was du aus ihr machst« oder »Alles, was du dir wünschst, wird in Erfüllung gehen« vor die Heilige Inquisition zitiert. Gut, dass das nicht mehr so ist. Dennoch: Selbst dort, an der Wurzel dieser mörderischen Institution, die sich da »Heilige Inquisition« nannte, war immerhin ein Funken an Intelligenz, vermute ich. Nämlich dies: ein Gespür für die menschliche Hybris, den Größenwahn, der eben nicht dasselbe ist wie die Erkenntnis der eigenen, unendlichen Größe und Einheit mit dem gesamten Universum.

»Dein Wille geschehe«
Was hat das mit der Tatsache oder Wahrheit zu tun, die so viele spirituelle Lehren predigen? Dass wir unendlich, zeitlos und todlos sind?
»Ich« bin unendlich? Ja, wenn ich dieses Ich ausdehnen kann. Wenn ich die Grenzen meiner Identifikation erweitern kann bis an den Rand des Universums. Wenn ich alles, dessen ich gewahr werde, einbeziehen kann als Inhalt nicht nur meines Gewahrseins, sondern auch meiner Aneignung, meiner Identifikation – ja, dann »bin« ich das alles. Bin unendlich, todlos, zeitlos. Aber auch: machtlos in demselben Maße wie allmächtig. Denn dann gibt es keine Trennung mehr zwischen dem wollenden Ich und dem wahrnehmenden und sich wahrnehmend identifizierenden Ich. Allem, was geschieht, bin ich dann ohnmächtig ausgeliefert, denn es gibt dann ja kein Ich mehr, dass etwas anderes wollen könnte, als das, was ist. Und ebenso bin ich dann allmächtig, weil es in mir keinen Willen mehr gibt, der von dem, was geschieht, getrennt wäre.
Das ist die mystische Einheit. Keine Trennung mehr. »Dein Wille geschehe« ist dann identisch mit »mein Wille geschehe«.

»Ich bin die Wahrheit«
Die mystische Einheit und der Größenwahn liegen also ziemlich nah beieinander. Wie können wir das eine vom anderen unterscheiden? Ich versuche es mal so: Wenn »Ich bin ohnmächtig« und »Ich bin allmächtig« in gleichem Maße als zutreffend für die Erfahrung empfunden werden, dann ist es eine mystische. Wenn nur »allmächtig« als zutreffend empfunden wird, dann ist es Größenwahn.

War Al Hallaj also größenwahnsinnig, als er »en el haqq« sagte, »Ich bin die Wahrheit / Ich bin Gott« (Wofür er 922 in Bagdad hingerichtet wurde)? Rumi schrieb darüber drei Jahrhunderte später, Al Hallaj habe sich durch diese Aussage völlig in Gott ausgeleert. Nur noch Gott habe für ihn existiert, kein Ich mehr – ein Maximum an Demut und Bescheidenheit.
Al Hallaj soll bei seiner grausamen Hinrichtung ganz ruhig gewesen sein. Einige Berichte sagen, er habe getanzt in seinen Ketten.
Heute würde man einen Menschen, der sagt »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben« für größenwahnsinnig halten.

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Die Leistungsgesellschaft

Autor: Hanns-Jörg Sippel (punctum, Bonn), 21.09.2006

Hintergrund

Die moderne Industriegesellschaft ist durch Wertewandel, Auflösung der Familien- und Ehetradition, Konkurrenzkampf und eine weit fortgeschrittene Individualisierung gekennzeichnet. Das traditionelle Modell der Kleinfamilie, der festgeschriebenen Geschlechterrollen, der stabilen sozialen Beziehungen und Sicherheiten ist brüchig geworden. Hinter der Fassade des Wohlstands ist eine neue Zerbrechlichkeit sozialer Lagen und Biografien entstanden. Die moderne Gesellschaft steht für Freiheit, Egoismus, Selbstverwirklichung, Emanzipation, Risiko. Das Selbst ist der Mittelpunkt, einziges Zentrum, Ursprung und Ziel. Es geht um Selbstbegegnung, Selbstbehauptung, Selbsterweiterung, Selbstverwirklichung. Um dieses Selbst noch stützen und nähren zu können, hat sich ein vielfältiges Angebot an Therapiemöglichkeiten entwickelt.

Single-Dasein
Basis dieser Entwicklung sind die veränderten ökonomischen Bedingungen in den gegenwärtigen Industriestaaten. Der gewachsene gesellschaftliche Wohlstand hat ein Leben außerhalb der Ehe und Familie für den Einzelnen erst möglich gemacht. Von 1970 bis Anfang der 90er Jahre verdoppelte sich die Zahl der Haushalte, die nur von einer Person geführt werden, von fünf auf knapp zehn Millionen. Nach neuesten Erhebungen ist sie auf etwa 16 Millionen gestiegen.

Lebensläufe als Chaos
Zwar lebt der Einzelne heute mit größeren Freiheiten, gleichzeitig aber auch gefährdeter. Er ist gezwungen, über die eigene Identität, Religion, familiäre Situation und Elternschaft, über soziale Bindungen innerhalb des gesellschaftlichen Rahmens zu entscheiden. Die Normalbiografie, die sowohl innerhalb der Familie als auch am Arbeitsplatz eine stabile Situation beschrieb, löst sich auf. Die Lebensverläufe verwandeln sich vielfach in Bastel-, Risiko- oder im schlimmsten Falle zu “Bruchbiografien”.

Unsicherheit und Überforderung
Wenn sich Lebensläufe entscheidend wandeln, ändert sich auch das Verhalten der Menschen, die soziale Beziehungsfähigkeit, das Potenzial von Ängsten und Sicherheiten. Der Einzelne hat alle Freiheiten, aber auch die alleinige Verantwortung für sein Leben. Die Freiheit, die eigenen, ganz individuellen Lebensumstände selbst wählen zu können, ist für viele eher bedrohlich als chancenreich. Sie müssen mit ihren eigenen Entscheidungen die existenzielle Unsicherheit ausgleichen, der sie sich ausgesetzt fühlen. “Der moderne Kapitalismus propagiert, dass jedermann mehr wagen soll. Jeder möge ein Unternehmer seiner Arbeitskraft sein. Unsicherheit wird in dieser Rhetorik als etwas Positives verkauft. Aber tatsächlich erleben die Leute etwas anderes: Sie empfinden den Zwang, ständig Risiken einzugehen, als deprimierend.” (Richard Sennett: Der charakterlose Kapitalismus. Interview in DIE ZEIT Nr. 49, 28.11.98) Der Zustand der Unsicherheit treibt die Menschen umher. Von Beziehung zu Beziehung, Therapie zu Therapie, Urlaubsort zu Urlaubsort, von Job zu Job, zur Umschulung, zum Fasten, zum Joggen. “Besessen von dem Ziel der Selbsterfüllung reißen sie sich selbst aus der Erde heraus, um nachzusehen, ob ihre eigenen Wurzeln auch wirklich gesund sind.” (Ulrich Beck: Riskante Freiheiten. Individualisierung in modernen Gesellschaften. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996).

Gesellschaftliche Isolation
Je rascher und weitreichender der gesellschaftliche Wandel die Grundlagen des Lebens, Arbeitens und Wirtschaftens verändert, desto eher fühlen sich Menschen überfordert und desto eher greift die Angst vor der Freiheit um sich. Der Anspruch und Zwang der Selbstverwirklichung, die persönlichen Freiheiten und Rechte, aber auch die ökonomischen Unsicherheiten bringen immer mehr Menschen in Widerspruch mit den allgemeinen gesellschaftlichen Anforderungen und Einstellungen. Die Verlierer der modernen Industrie- und Leistungsgesellschaft sind Kranke und Behinderte, Arbeits- und Obdachlose. Große, wachsende Bevölkerungskreise werden gesellschaftlich isoliert und von den Existenzvoraussetzungen und Sicherungsnetzen der Gesellschaft ausgeschlossen.

Angagement für den Anderen
Dem Verlust an gesellschaftlicher Solidarität stehen auf der anderen Seite vielfältige Formen selbstorganisierten Engagements für andere gegenüber. Dieses freiwillige Engagement reicht von Aktivitäten für Freunde und Verwandte, Hilfeleistungen für notleidende Unbekannte bis hin zum politischen Engagement in Initiativen und Projekten. Für drei Viertel der amerikanischen Bevölkerung nehmen Solidarität, Hilfsbereitschaft und Gemeinwohlorientierung den gleichen prominenten Rang ein wie Selbstverwirklichung, beruflicher Erfolg und die Ausweitung der persönlichen Freiheitsräume. Selbstbehauptung, Selbstverwirklichung und die Sorge für andere scheinen sich nicht auszuschließen. Zudem zeigen Untersuchungen, dass mit der neuen Freiheit die Toleranz gegenüber andersartigen Menschen und gesellschaftlichen Randgruppen stetig angestiegen ist, seien es nun Ausländer, Homosexuelle, Behinderte oder sozial Benachteiligte.

Autor: Hanns-Jörg Sippel (punctum, Bonn), 21.09.2006





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